Neuanfang in Basel unter Gleichgesinnten

Basel war damals eine Stadt von etwa 10 000 Einwohnern, eine der größten der Eidgenossenschaft, deren Entwicklung und Wirtschaft durch die gute Lage am Schnittpunkt der Verbindungswege von Nord nach Süd und von Ost nach West begünstigt wurde. Nach der Einführung der Reformation durch Johannes Oekolampad war ein evangelisches Gemeinwesen – dem der Zeit des Konzils von Basel (1431–1449) gleich – entstanden: eine Herberge der Gelehrten, ein Treffpunkt der Nationen, ein Ort freien geistigen Austauschs über Länder- und Sprachgrenzen hinweg. Dies zeigte sich nicht nur im Hinblick auf die Universität und den Buchdruck, sondern auch an dem Kreis von Glaubensflüchtlingen, die hier – in der Hoffnung, in der Freiheit eines Christenmenschen leben zu können – einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden hatten.

Zu diesem Kreis gehörten der italienische Rhetorik-Professor Celio Secundo Curione, der niederländische Täufer David Joris, sein Schwiegersohn Nikolas Blesdijk, der Professor für das Alte Testament Martin Borrhaus, der aus Sachsen stammte; der spanische Humanist Francisco de Enzinas (Dryander), der französische Arzt Jean Bauhin, die Drucker Pietro Perna aus Lucca und Jakob Parcus aus Lyon, um nur einige Namen zu nennen. Es waren Männer, die sich später großenteils an der Toleranz-Kontroverse gegen Calvin beteiligen sollten. In diesem Kreis fand Castellio seine geistige Heimat.

Die ersten Basler Jahre waren geprägt von bitterer Armut und Not: Castellio arbeitete als Korrektor für den Buchdrucker Johannes Oporin. Doch der Lohn reichte kaum aus, die wachsende Familie zu ernähren. Er musste sich auch als Gärtner, Fischer und Holzsammler betätigen. Wohl nicht ohne Grund bezeichnete Michel de Montaigne diese Lebensverhältnisse als „große Schande unseres Jahrhunderts“. Erst als Castellio im Frühjahr 1553 Professor für Griechisch an der Universität Basel wurde und ein festes Gehalt bezog, verbesserte sich seine Lage.

Zu seinem sozialen Umfeld gehörten nicht nur die genannten Glaubensflüchtlinge sowie Buchdrucker und Mitglieder der Universität, sondern auch angesehene Basler wie der Ratskonsulent Bonifacius Amerbach, der Schulmeister Thomas Platter und Simon Sulzer, der Antistes (Vorsteher) der Basler Kirche; außerdem Studenten, die aus ganz Europa, vor allem aus den Niederlanden, Frankreich, Polen, Italien und Deutschland, wegen seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit zu ihm kamen. Mit vielen blieb er auch später in Verbindung. Sie verbreiteten seine Schriften und Gedanken in ihren Heimatländern.

Trotz der schweren ersten Basler Jahre fand Castellio noch die Zeit und die Kraft für zahlreiche, bedeutende Veröffentlichungen, die vorwiegend dem Religions- und Lateinunterricht dienten. Genannt seien hier nur die erweiterte Ausgabe der „Dialogi Sacri“ (1545), die lateinische Übersetzung der „Sibyllina Oracula“ (1546), des „Moses Latinus“ sowie der Psalmen und einiger alttestamentlicher Texte.

Besondere Erwähnung verdient die Übersetzung der Bibel in die lateinische und die französische Sprache. Während die französische Bibelübersetzung 1553 beendet und 1555 mit einem Vorwort an den französischen König Heinrich II. gedruckt wurde, erschien die lateinische bereits 1551 bei Jakob Parcus und Johannes Oporin – mit einem Vorwort an den jungen englischen König Eduard VI. Diese Werke beweisen, dass Castellio Philologe, Pädagoge und Theologe war.

Seine große Freude war zweifellos das Übersetzen. Und er hätte sich sicherlich manche bitteren Erfahrungen und Anfeindungen aus Genf erspart, wenn er, wie Pierre Ramus später meinte, sich nur mit den Aufgaben seiner Griechisch-Professur befasst hätte und nicht als Vorkämpfer für Toleranz gegen Calvin aufgestanden wäre: „Dann hätte Basel in diesem Zweig rühmlicher Tätigkeit nicht seinesgleichen gehabt.“ Doch der Ruhm Castellios sollte auf einem anderen Gebiet wachsen.

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